Im Rahmen der gestrigen Lesung "Kaltgepresst - Geschichten vom anspruchsvollen Leben" unserer Autorengruppe "SchreibundWeise" las ich gestern Abend im Literaturkeller des Stemmerhofs meine Erzählung "Flüssiges Gold".
Aus unserer Sicht war das Ganze ein voller Erfolg. Der Keller war voll, Spätankommer mussten Stehen und taten das auch bereitwillig. Keiner verlies die Lesung vor ihrem natürlichen Ende und auch das Feedback der Gäste, die sich noch am kalten Buffet einfanden war durchweg positiv.
Vielen Dank an die Mitautorinnen Anita, Barbara, Gertrud, Michalea und Tini für ihre berührenden, spannenden oder humorvollen Geschichten und für gegenseitige Kritik und Motivation im Vorfeld. 1000 Dank an Diana Hillebrand, unsere Lektorin, auch für ihre professionelle und kurzweilige Moderation und last but not least für die musikalische Untermalung des Gitarristen. Hier ist für alle, die Interesse haben, mein Text noch mal zum Nachlesen.
Flüssiges Gold
„Seit zwei Tagen bläst der Wind nun schon von rechts, als ob er erst aufhört, wenn unser Boot nach links umgekippt ist.“
„Hey, Jason! Merk’ Dir endlich, dass rechts auf einem Schiff Steuerbord ist“, sagt Egberto oder einer seiner Männer dann. Wir passieren die Straße von Gibraltar und es liegt noch eine Woche vor uns bis nach Casablanca. Palstek, Winsch und Achtern sind für mich Begriffe aus einer anderen Welt. Puts, Margins und Spreads, das war meine Welt bis Mitte September. Ich bin nicht hier, um meine Segelkenntnisse zu perfektionieren, so wie die anderen 12 Leute, die in Lissabon an Bord gekommen sind. Ich bin hier, weil der Reset-Knopf gedrückt wurde und weil ich mich selbst von einer neuen Seite kennenlernen möchte. Als „Lehman Brothers“ geschlossen wurde, ging ich mit meinem Karton und einem räudigen Fikus auf dem Arm in ein Reisebüro und fragte nach einem Ziel, das sofort erreichbar war. Es sollte etwas absolut Neues für mich sein. Nun sitze ich tagsüber auf dem nassen Holzdeck, genieße das Pfeifen des Windes und den Anblick der Wellen, die die Höhe kleinerer Häuser erreichen und empfinde es als meditativ, erneuernd und das geeignete Mittel, um die Ereignisse zu verarbeiten. Das Knarren und Knacken der „Smeralda“, die ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, aber in einer Verfassung ist, wie frisch aus der Werft, trägt seinen Teil dazu bei. Ich hatte genügend Zeit, mein Geld in sichere Anlagen zu transferieren, aber genau das wollten unsere Kunden auch. Ein paar Pleiten schienen unvermeidlich, doch dass die ganze Investmentbranche ausgelöscht wird, hatte keiner von uns für möglich gehalten. In New York habe ich gespielt und hier spielt der Atlantik mit mir. Neu und doch vertraut ist dieser Verlust an Kontrolle.
Abends sitze ich mit der Mannschaft zusammen, wir trinken Wein oder Bier und spielen Karten. Alles noch undenkbar im letzten Monat. Wein trinken und keinen „Saint-Emilion Grand Cru Classé“. Karten spielen, hätte ich als verschwendete Zeit betrachtet. Jede Minute an Bord könnte ich genießen, wenn nicht diese Träume wären, von denen ich jede Nacht Schweiß gebadet aufwache. Ich war daran gewöhnt, den Blackberry auch abends nur selten aus der Hand zu legen und wenn, dann war Action angesagt. Clubs, Koks, Frauen, das war meine Auszeit von der Wall Street. Nichts davon vermisse ich in diesem Augenblick, obwohl es jede Nacht gierig nach mir greift. Stattdessen spüre ich den Wind in meinem Gesicht und die salzige Gischt auf meinen Lippen. Ich höre Egberto, wie er Kommandos gibt und fühle mich neugeboren. Immer deutlicher reift in mir die Idee, mich auf der „Smeralda“ einzukaufen. Kurz vor Casablanca fasse ich mir ein Herz.
„Ich finde es bewundernswert, wie Du uns verwöhnte Passagiere erträgst, Egberto.“
„Was ist daran bewundernswert? Ich mache meinen Job und er macht mir Spaß.“
„Aber Du willst doch nicht behaupten, dass Du 13 kapriziöse Snobs über den Atlantik chauffieren würdet, wenn Du es nicht müsstest?“
Egberto lacht und schlägt mit einer Hand auf den Tisch.
„Kapriziös ist gut! Das gefällt mir. Weißt Du Jason, jeder Passagier ist anders. Nimm Dich zum Beispiel. Am Anfang dachte ich, Du würdest beim ersten Wendemanöver von Bord fallen, so nervös und neben Dir warst Du. Sieh Dich jetzt an! Du stehst mit beiden Beinen an Deck und spürst wieder, dass Du ein Mann bist.“
„Das stimmt! Und deshalb möchte ich Dir ein Angebot machen.“
„Was für ein Angebot? Mir fehlt es an nichts.“
„Mag sein, doch ich werde Dir etwas anbieten, das Du nicht abschlagen kannst.“ Ich ließ meine Ankündigung ein wenig wirken.
“Ich biete Dir eine halbe Million Dollar für die Hälfte an der „Smeralda“.
Egbertos Lächeln friert ein. Er erhebt sich langsam von der Bank und beugt sich zu mir runter: „Und wenn Du mir 1 Million gibst, Jason, ich will Dein Geld nicht. Mir reicht das, was ich habe und meine Freiheit ist mir wirklich sehr, sehr viel wert.“
Nach 13 Tagen voller Fahrt legen wir im Hafen von Casablanca an. Ich gehe mit Egberto, Miguel und Filipe von Bord. Wir tauchen in eine widersprüchliche Stadt ein, hektisch und träge, stinkend und duftend zugleich, völlig fremd und doch wie Thanksgiving zu Hause. Ich höre französische und arabische Wortfetzen, die nach Abenteuer klingen. Nach einem Kaffee trennen sich unsere Wege. Egberto schlägt vor, zum Essen ins „Du Port du Pêche“ zu gehen. Ein versteckter, mit unregelmäßigen roten und grünen Fliesen verzierter Innenhof der eintausend Schattierungen von beige an seinen Wänden trägt, nimmt uns auf und bald stöhnt der massive Holztisch unter der Last verzierter Teller und vorzüglicher Vorspeisen. Egberto hat bestellt, doch ein Blick in die Karte verrät mir, dass das ganze Mahl soviel kostet, wie eine Box Sushi für die Mittagspause zu Hause. Brasse und Wolfsbarsch haben eine knusprige, märchenhaft gewürzte Haut und im Inneren straff gewölbtes und dennoch zartes Fleisch. Doch voraus geht dem Gaumenerlebnis ein Aroma, das alles, was ich bisher genoss, auf das Niveau eines Big Mac herabstuft. Erlesene Nüsse, mit milder Schärfe und einem Duft zwischen Oliven und Honig, betörend wie ein Parfum. Ich gerate ins Schwärmen und frage Egberto wie dieser Fisch zubereitet wurde. Er winkt dem Ober, wechselt ein paar Sätze mit ihm, nickt und erzählt mir, dass dieser besondere Geschmack von Argan-Öl herrührt. Es wird aus der Frucht eines Baumes gewonnen, der im Süden des Landes in einem kargen Gebiet mit zig Millionen seiner Art gedeiht.
„Ich als New Yorker kenne die Küchen der ganzen Welt und habe noch nie von diesem Öl gehört - einem Massenprodukt?“
„Du irrst Dich Jason. Argan-Öl gibt es nicht häufig, auch hier in Marokko nicht. Der Ober sagt, ein Liter von diesem Öl wird den Früchten von drei Bäumen abgerungen und meist nur alle zwei Jahre. Angeblich hilft es sogar gegen Hautkrankheiten.“
„Das Öl ist wundervoll. Meine Freunde in New York sollten es kosten dürfen. Ich bin begeistert.“
„Hast Du Freunde, Jason?“
Ich bin nicht vorbereitet auf eine so offene Frage.
„Hmmm, ja ich denke schon - - - Ich weiß nicht.“
„Lass mich raten: wenn es Dir gut geht, hast Du Freunde und wenn es Dir schlecht geht, haben sie keine Zeit.“
„So ungefähr, Du kennst das. Jeder hat so was mal erlebt, ich bin nicht der Einzige.“
„Bestimmt nicht“, erwidert Egberto: „Aber es tut weh!“
Plötzlich wirkt er so verletzlich, dass ich meine Chance sehe: „Egberto! Hast Du nachgedacht über mein Angebot?“
„Natürlich, wer würde das nicht? Der Kahn ist gut in Schuss, aber eine halbe Million - ist er nicht mal im Ganzen wert.“
„Ich würde die halbe Million ja auch nicht nur für die Hälfte an der „Smeralda“ bezahlen, sondern für Dein Geschäftsmodell.“
Egberto winkt ab und lehnt sich zurück:
„Du spinnst, Jason. Was für ein Geschäftsmodell?“
Er streckt die Handflächen aus und deutet damit auf seine Brust:
„Ich bin das Geschäftsmodell. Wenn ich krank bin, bleibt das Schiff im Hafen und wenn ich ein paar Monate keine Lust auf „kapriziöse“ Reiche habe, verdiene ich nichts. Das tut mir nicht weh. So einfach ist das. Ich bin frei und ich werde es bleiben.“
Der Ober räumt den Tisch ab, während Egberto sich die erste seiner drei Zigarren aus dem Etui holt und zwei Cognac bestellt. Er fragt den Ober etwas auf Französisch, und dieser antwortet ausführlich, bevor er sich davon macht. Egberto wendet sich mir zu.
„Dieser Argan-Baum ist ein Wunder. Er verträgt dieses mörderische Wüstenklima und kommt ein, zwei Jahre ohne Wasser aus und wenn er welches bekommt, blüht er einfach wieder.“
„Das ist doch kein Wunder“, raune ich verärgert von Egbertos Absage. Doch der Duft des nahenden Pistazien-Baklavas, das mit dem Öl verfeinert ist, straft mich Lügen und ich schicke nach: „Aber es ist wirklich außergewöhnlich, dieses Öl.“
Egberto formt mit dem Zigarrenrauch einen Ring in die Luft, der sich langsam wabernd wie eine Qualle verzieht.
„Von diesem Baum kann man lernen, dass es dürre Zeiten gibt und Zeiten der Blüte. Wir denken, dass diese Zeiten mit Haben oder Nichthaben zusammenhängen. Doch das stimmt nicht. Der richtige Zeitpunkt ist wichtiger. Es ist verschwendete Energie, blühen zu wollen, wenn kein Regen fällt. Warte auf den nächsten Regen, Jason und dann blühe.“
Ich rieche an meinem überirdischen Dessert, bis es ein Teil von mir wird, lehne ich mich zurück und gleite in den Zustand eines endlosen Sekundenschlafs. Ich träume von einer weltweit bekannten Argan-Öl-Marke mit Angelina Jolie als Testimonial. Ich träume von einer Aufnahme des Öls an die Warenterminbörsen und von innovativen Fonds auf kulinarische Luxusgüter. Ich höre Telefone und mein rechter Zeigefinger klickt eine imaginäre Maus, doch die Kurse fallen und ich kann nichts anderes tun, als selbst zu verkaufen. Während Angelina mit ihrem sinnlichen Mund die Vorzüge des Öls anpreist, wird sie zu Amy Winehouse, die eine Flasche Argan-Öl in der Hand hält und beteuert:
„Dieses Zeug hat mich gesund gemacht, aber gegen Tatoos hilft es kein bisschen“.
Durch ein Zupfen Egbertos an meinem Ärmel kehre ich wieder zurück nach Casablanca und rieche das Dessert, das noch immer etwas Abendländisches verströmt. Ich lächle Egberto an und greife entspannt nach dem Cognac. Ich erinnere mich daran, dass ich etwas völlig Neues wollte. Glück durchströmt mich und ich überschlage, wie lange mein Geld in Marokko wohl reichen würde.
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